Eine kulinarische Kostbarkeit des sizilianischen Sommers ist ohne Zweifel die Wassermelone aus Siracusa.
Der Sommer steht vor der Tür, eine Zeit, in der unsere traumhaften Strände von Touristen aus aller Welt belebt werden – ebenso wie die Städte und versteckten Schätze der kleinen Dörfer.
Doch der Sommer bringt auch die typische, schwüle Hitze Siziliens mit sich, der man auf vielfältige Weise entflieht: mit einem erfrischenden Bad, einem kühlen Eis oder frischem Obst.
Ab Juni erstrahlen die sizilianischen Felder in bunten Farben, von saftigen Pfirsichen bis zu stacheligen Feigen.
Doch die wahre Waffe gegen die Sommerhitze ist lu muluni: die Wassermelone, ein Fruchtwunder voller Wasser, süß und erfrischend – pur ein Genuss, aber auch eine tolle Zutat für köstliche Rezepte.
In Siracusa wächst eine ganz besondere Sorte dieser Melone, die auf den ungewöhnlichen, sandigen und feuchten Böden gedeiht.
Diese Spezialität zeichnet sich durch ihr knackiges Fruchtfleisch und ihren außergewöhnlich süßen Geschmack aus – daher wird die Siracusa-Wassermelone auch liebevoll „Zuccherino“ genannt.
Eine rankende Pflanze
Doch zunächst werfen wir einen Blick auf die Eigenschaften und die Geschichte dieser besonderen Pflanze.
Die Wassermelone heißt botanisch Citrullus lanatus. Der Name hat nichts mit einer vermeintlichen „Dummheit“ der Frucht zu tun, sondern leitet sich vom lateinischen cedrus ab, was „gelb-orange“ bedeutet, während lanatus auf die wolligen jungen Pflanzenteile verweist.
Sie gehört zur Familie der Kürbisgewächse (Cucurbitaceae), deren Name aus dem Sanskrit corb stammt und „sich winden“ oder „kriechen“ bedeutet – eine Anspielung auf die kletternden oder kriechenden Triebe von Wassermelone, Kürbis, Gurke und Melone.
Die Pflanze ist mehrjährig, mit großen, wolligen Blättern.
Sie trägt große Früchte mit dicker Schale, die voller Samen, aber vor allem voller Wasser stecken.
Viele Namen, eine Frucht
Wegen ihres hohen Wassergehalts wird die Frucht in Sizilien und im Süden Italiens als „Melone d’acqua“ bezeichnet, um sie von anderen Melonensorten wie dem Cantaloupe zu unterscheiden – ein Begriff, der aus dem Französischen stammt.
Doch in ganz Italien gibt es zahlreiche unterschiedliche Bezeichnungen für dieselbe Frucht.
Im Zentrum Italiens nennt man sie „Cocomero“, ein Wort, das vom lateinischen cucumis abstammt, ursprünglich für Gurke verwendet, die eng mit der Wassermelone verwandt ist.
Im Norden Italiens und auf Sardinien heißt sie „Anguria“. Auch dieser Begriff stammt aus dem Griechischen, wo angoúrion Gurke bedeutet.
Auf Sardinien wird die Wassermelone auch „Pateca“ genannt, ein Wort arabischen Ursprungs (baṭīḫa), das ebenfalls den Wassermelonen bezeichnet.
In den Gräbern der Pharaonen
Die Araber brachten die Wassermelone nach Europa, wo sie ursprünglich viel weiter südlich, jenseits der Sahara, beheimatet war.
Ursprünglich stammt sie aus der Kalahari-Wüste im südlichen Afrika, einem extrem trockenen Gebiet, in dem Wasser oft knapp ist.
Für die San, auch Buschmänner genannt, eine nomadische Volksgruppe dieser Region, ist die Pflanze eine lebenswichtige Wasserquelle und Energiequelle dank ihres Zuckergehalts.
Auf einem langen, geheimnisvollen Weg gelangte die Wassermelone bis zu den Pyramiden Ägyptens, wo sie erstmals schriftlich dokumentiert wurde.
Die Frucht galt als heilig, man glaubte, sie sei aus dem Samen des Gottes Seth entstanden, und legte sie den Pharaonen als Nahrung für die Reise ins Jenseits mit ins Grab.
Auch in der Bibel wird die Wassermelone als Symbol für den Überfluss im Alten Ägypten erwähnt.
Später gelangte sie nach China und vor allem nach Europa, vermutlich durch die arabischen Eroberungen, und wurde schnell sehr beliebt.
Die Siracusa-Wassermelone
Citrullus lanatus bevorzugt warme, gemäßigte Klimazonen.
In Sizilien, besonders rund um Siracusa, findet sie ideale Bedingungen: Die Böden sind nicht nur vom nahen Meer feucht, sondern auch sandig – ein spezieller Untergrund, der nicht für alle Kulturen geeignet ist, aber seit Jahrhunderten den Wassermelonen ein Zuhause bietet.
Die Bauern in Siracusa kümmern sich liebevoll um die Pflanzen, die eine regelmäßige Bewässerung brauchen, um die besonderen Eigenschaften der tiefgründigen, durchlässigen Böden voll auszuschöpfen.
Ernte der Siracusa-Wassermelone
Die Aussaat erfolgt im Februar, wenn die Melonen im Gewächshaus gezogen werden, oder ab Mai, wenn sie direkt im Freiland wachsen.
Während des Wachstums achten die erfahrenen Landwirte genau darauf, dass keine missgebildeten Früchte entstehen.
Da die Pflanze viel Wasser aufnimmt, müssen die Früchte frühzeitig bewegt werden, solange sie noch klein sind – eine anspruchsvolle Aufgabe.
Die Ernte findet im Sommer statt, sobald die Melone reif ist, was man am Vertrocknen oder Abfallen der Ranke erkennt.
Die Siracusa-Wassermelone ist ein frühreifes, aber robustes Produkt, das gut gegen Krankheiten und Transport strapazierfähig ist und von Mai bis September auf den Märkten erhältlich ist.
Typische Merkmale der Siracusa-Wassermelone
Die Siracusa-Wassermelone kann bis zu 10 Kilogramm schwer werden und hat ihre typische längliche Form, die von hellgrünen Streifen durchzogen ist und so das dunkle Grün der Schale auflockert.
Beim Aufschneiden zeigt sich ein faszinierendes Farbenspiel: das grüne Äußere, gefolgt vom weißen Rand des Fruchtfleischs, bis hin zum leuchtenden Rot des Meloneninneren, in dem kleine schwarze und braune Kerne eingebettet sind.
Das Fruchtfleisch ist knackig, fest und vor allem unglaublich süß – daher der Spitzname „Zuccherino“.
Diese Süße entsteht nicht nur durch den Zuckergehalt, sondern auch durch eine Vielzahl von Aromen, die zudem reich an Vitaminen und Kalium sind.
Außerdem ist die Melone dank ihres hohen Wasseranteils besonders erfrischend – ein Grund, warum sie zu den traditionellen Agrarprodukten Italiens zählt.
Verwendung in der Küche
Die Siracusa-Wassermelone ist der perfekte Durstlöscher an heißen Sommertagen und unverzichtbar für frische Obstsalate.
Auch Sorbets, Eiscremes und Granitas mit Wassermelonengeschmack sind beliebte Erfrischungen, und aus der Frucht lassen sich herrliche Marmeladen zaubern.
Ein ganz besonderes Dessert ist der typische Ferragosto-Klassiker: Gelo di melone, ein sorgfältig zubereiteter, entkernter Melonenpudding, der anschließend gefroren wird.
Interessantes und Kurioses
Im Kalahari-Gebiet verehren die Tswara die Wassermelone als heilige Frucht, die bei Reinigungsritualen vor der Ernte eine wichtige Rolle spielt.
Die Wassermelone war sogar Auslöser eines Krieges: 1856 kam es zwischen Panama und den USA zum sogenannten Melonenkrieg, nachdem ein Amerikaner einem panamaischen Händler eine Melonenscheibe stahl – ein Vorfall, der zu heftigen Auseinandersetzungen führte.
In Japan gibt es eine besondere quadratische Wassermelone, die in speziellen Formen gezogen wird.
Die Wassermelone ist auch Teil zahlreicher Sprichwörter und Redewendungen, die ihre Bedeutung und Beliebtheit in verschiedenen Kulturen widerspiegeln.
„Eisgekühlte Wassermelone und heißer Kaffee.“
„Wenn die Wassermelone wächst, trocknet der Stiel.“
„Willst du Melonen so groß wie Fässer, pflanze sie am ersten Donnerstag im April.“