Der stachelige Artischocke von Menfi ist eine kulinarische Kostbarkeit Siziliens, die durch harte Konkurrenz bedroht ist und die wir alle schützen sollten.
Für viele symbolisiert der Winter das Ende, die karge Zeit, kahle Bäume und verdorbene Früchte.
Doch gerade die kalte Jahreszeit schenkt uns in Sizilien besondere Schätze aus der Erde, die uns an kühlen Tagen wärmen – auch wenn es hier selten wirklich frostig wird.
So verabschieden wir uns von Melonen, Feigen und Pfirsichen und begrüßen auf unseren Tischen Zitrusfrüchte, Granatäpfel und natürlich Artischocken.
Italien ist weltweit führend in der Produktion dieser typischen Winterpflanze, mit zahlreichen regionalen Spezialitäten.
Unter ihnen nimmt der stachelige Artischocke von Menfi einen besonderen Platz ein. Seinen Namen verdankt er den charakteristischen Stacheln an den Spitzen der Blätter (den essbaren Teilen der Artischocke), die in einem faszinierenden Grün-Violett-Ton schimmern.
Gerade diese Stacheln – weshalb er auch Spinello genannt wird – machen ihm das Leben schwer und setzen ihn gegenüber den spinnenlosen Hybriden unter Druck.
Der stachelige Artischocke von Menfi besticht durch ein einzigartig aromatisches Profil, das ihn zum perfekten Begleiter für den Grill macht, aber auch in vielen traditionellen sizilianischen Gerichten glänzt.
Eine essbare Blüte
Der stachelige Artischocke von Menfi ist eine von vielen Artischockensorten, botanisch bekannt als Cynara cardunculus scolymus.
Der Gattungsname verweist auf eine Gruppe von Blütenpflanzen aus der Familie der Asteraceae, zu der auch Salat, Radicchio, Kamille und Wermut gehören.
Der Artname cardunculus bedeutet wörtlich „kleiner Distel ähnlich“.
Der cardunculus scolymus ist somit das Ergebnis der Domestizierung der wilden Distel und gilt als der Ursprung der Artischocke – eine Art Urform.
Die Artischocke ist eine krautige Pflanze mit einem nicht verholzten Stängel, der bis zu anderthalb Meter hoch werden kann.
Die Blätter zeigen Polymorphismus, das heißt, auf einer Pflanze treten verschiedene sichtbare Formen auf: Einige Blätter sind eingeschnitten und bestehen aus mehreren Einzelblättchen, während die Blätter nahe der Blüte ganz bleiben.
Die Blütenköpfe, sogenannte Capolini, sind typisch für die Asteraceae, zu denen auch die Artischocke gehört. Ihre Blütenblätter werden von sogenannten Hochblättern, den Brakteen, geschützt.
Diese Brakteen und der fleischige Blütenboden, das sogenannte Receptaculum, bilden das, was wir essen.
Die Artischocke ist also keine Frucht, sondern die essbare Blüte des cardunculus scolymus.
Die wilde Distel
Die Geschichte der Artischocke – und damit auch des stacheligen Artischocke von Menfi – lässt sich nicht erzählen, ohne die wilde Distel als Vorfahrin zu erwähnen.
Diese Pflanze tauchte erstmals im Nahen Osten auf, vermutlich war sie auch in Indien bekannt.
In einer Höhle wurde ein Fresko aus dem 3. Jahrhundert v. Chr. gefunden, das einen Mönch zeigt, der eine wilde Distel in der Hand hält.
Die religiöse und medizinische Nutzung war den Ägyptern und besonders den Griechen bekannt, die die Entstehung der Pflanze mit einer Nymphe verbanden.
Diese Nymphe, namens Cynara, mit aschblonden Haaren und grünen Augen mit violetten Schattierungen (kommt Ihnen das bekannt vor?), wurde von Zeus begehrt. Doch ihr stolzer und wechselhafter Charakter ließ sie den Göttervater immer wieder abweisen.
Aus Zorn verwandelte Zeus sie in eine stachelige, starre Pflanze, die jedoch im Inneren ein zartes, violett schimmerndes Herz verbarg.
Eine sizilianische Verwandlung
Die wilde Distel gelangte auch nach Italien, vermutlich durch die Etrusker, und wurde bald wegen ihrer aphrodisierenden Wirkung geschätzt.
In Sizilien, im 1. Jahrhundert v. Chr., begann die Domestizierung der wilden Distel, die sich zur Artischocke entwickelte, wie wir sie heute kennen – in Mazzarino wird bis heute eine sehr ursprüngliche Artischockensorte kultiviert, die der wilden Distel noch sehr nahe steht.
Die Insel füllte sich mit Artischockenfeldern, die später auch die arabischen Herrscher beeindruckten, die der Pflanze den Namen ḵuršūf gaben.
Die Araber brachten die Artischocke nach Spanien, die Niederländer führten sie an den englischen Hof ein, wo sie in königlichen Gärten angebaut wurde.
Diese sizilianische Spezialität fand auch ihren Weg in die Toskana, wo Caterina de’ Medici sie liebte und an den französischen Hof ihres Mannes Heinrich II. brachte (selbst Ludwig XIV., der Sonnenkönig, war ein großer Artischocken-Fan).
Mit den Entdeckungsreisen gelangte die Pflanze schließlich nach Amerika, wo heute noch große Anbauflächen in Louisiana und Kalifornien existieren – dort hat sich die Artischocke allerdings auch als invasive Art etabliert.
Der stachelige Artischocke von Menfi
Wie erwähnt, ist Italien weltweit führend in der Produktion dieser winterlichen Pflanze, die in verschiedenen Sorten wächst – darunter die aus Menfi.
Das kleine Städtchen nahe dem Meer, in einer Region, in der vermutlich die Sarazenen landeten, liegt in der Provinz Agrigent, an der Grenze zu Trapani, zwischen den Flüssen Belice und Carboj und in der Nähe der künstlichen Seen Trinità und Arancio.
Diese Gegend ist reich an Bewässerungsanlagen, und die Kombination aus dunklen Böden, warmem Klima und Meeresbrise schafft ideale Bedingungen für vielfältigen Anbau – allen voran den stacheligen Artischocke von Menfi.
Erste Berichte über diese Sorte stammen aus dem 19. Jahrhundert, doch vermutlich wird sie hier schon seit Jahrhunderten, vielleicht sogar Jahrtausenden kultiviert.
Heute werden in der Region neben dem stacheligen Artischocke auch spinnenlose Hybride angebaut.
Diese Entscheidung der Bauern ist eine Reaktion auf den Markt, der die pflegeleichteren und ertragreicheren spinnenlosen Sorten bevorzugt.
Die Ernte des stacheligen Artischocke von Menfi
Dennoch legen die lokalen Landwirte großen Wert auf ihre besondere Sorte und haben sich zu einer Schutzgemeinschaft zusammengeschlossen, die die Kultivierung nicht nur in Menfi, sondern im gesamten Belice- und Carboj-Becken bewahrt.
Die Arbeit beginnt im September mit der Aussaat der Samen in den sogenannten Artischockenfeldern (carciofaie).
Nach zwei Monaten, in denen kaum Düngung oder Pflanzenschutz nötig sind und nur wenig bewässert wird, startet die Ernte, die bis Ende April andauert.
Am 1. Mai versammeln sich die Bauern, um die letzten geernteten Artischocken frisch vom Grill zu genießen. Danach werden die Pflanzen zurückgeschnitten, um die Samen freizugeben, die im September erneut ausgesät werden.
Dieser Zyklus wiederholt sich zwei Jahre lang, bevor die Felder mit Saubohnen bepflanzt werden, die den Boden mit Stickstoff anreichern und so die Rückkehr der Artischocken vorbereiten.
Verwendung des stacheligen Artischocke von Menfi
Die Früchte sind kleiner als die der Hybride, elliptisch geformt bei den ersten Blütenständen („mammi“) und eiförmig bei den zweiten („spaḍḍi“).
Die Brakteen, die essbaren Blätter, sind mit den typischen Stacheln besetzt und zeigen die unverwechselbare Mischung aus Grün und Violett.
Am besten schmeckt der stachelige Artischocke von Menfi frisch vom Grill. Vor dem Grillen schlägt man die Artischocke mit der stacheligen Seite auf einer Marmorplatte an, damit sich die Blätter öffnen. Anschließend werden sie mit Olivenöl und Salz verfeinert.
Diese Zubereitung hebt das aromatische Profil und die knackige Textur der Blätter wunderbar hervor.
Die Sorte ist auch eine wichtige Zutat in traditionellen sizilianischen Gerichten wie Artischocken im Backteig, Artischocken in Tomatensauce oder Pasta mit Artischocken aus Menfi.
Interessantes
Mit wenig Kalorien, aber reich an Eisen und Mineralstoffen, ist die Artischocke ideal für eine ausgewogene und gesunde Ernährung.
Über die Jahrhunderte wurde sie auch medizinisch genutzt – die sogenannte Cynarotherapie zeigt vielversprechende Ergebnisse.
Der Name stammt, wie erwähnt, von der Nymphe Cynara; daraus entstand auch der Name des berühmten Artischockenlikörs Cynar.
In Amerika ist die Artischocke zum Zentrum der Landwirtschaft von Castroville in Kalifornien geworden, das jedes Jahr das Artichoke Festival veranstaltet, bei dem auch die Miss Artischocke gewählt wird – die erste Gewinnerin war niemand Geringeres als Marilyn Monroe.
Und wie isst man Artischocken? Ein neapolitanisches Sprichwort sagt: „A carciòffola se monna a ‘na foglia â vota“ – was uns daran erinnert, dass alles Schritt für Schritt gemacht werden sollte.